Mit Neutronen auf den Spuren der Kelten


U. Wagner, Fakultät für Physik der TU München
R. Gebhard, Prähistorische Staatssammlung, Museum für Vor- und Frühgeschichte, München

Vor etwa 7500 Jahren begann der Mensch hierzulande Erde mit der Hand zu formen und durch Brennen im Feuer in Keramik zu verwandeln. Erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. erleichterte die Einführung der Töpferscheibe die Herstellung wesentlich. Die Drehscheibenkeramik konnte rasch und in großer Stückzahl hergestellt werden. In den großen keltischen Städten entwickelte sich im 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr. das Handwerk als selbständiger Berufszweig. Gegenstände des Alltags wurden in Überzahl produziert; durch ihren Verkauf bildete sich ein weiträumiges Wirschafts- und Handelssystem aus. Die Sachkultur dieser Zeit ist daher sehr uniform, bestimmte Formen von Schmuck oder auch Keramik finden sich fast überall wieder (Abbildung 1). Diese Erscheinung wird als "Oppidazivilisation" bezeichnet, anschaulicher umschreibbar als frühe "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft". Ihre Entstehung und ihr innerer Aufbau werden bislang von der Archäologie kaum verstanden. Eine Untersuchung der Strukturen wäre jedoch zugleich ein Schlüssel zum Verständnis der keltischen Kultur, die in den letzten beiden vorchristlichen Jahrhunderten die Geschichte Mittel- und Westeuropas bestimmte (Abbildung 2 und 3).

Notwendig ist hierfür eine Charakterisierung der Handelsbereiche durch die sorgfältige Bestimmung von Umfang und regionaler Ausbreitung des Handelsgutes. Von allen Fundgattungen ist die Analyse von Keramik besonders erfolgversprechend, da sie überall in großen Mengen vorhanden und ihrer Herkunft nach genau bestimmbar ist.

Für eine exakte Herkunftsbestimmung bedient sich der Archäologe der Hilfe der Naturwissenschaften. Keramik bzw. der zur Herstellung benutzte Ton kann bezüglich seiner Herkunft exakt bestimmt werden, da in den einzelnen Tonlagerstätten Spurenelemente in ganz bestimmten Verteilungen enthalten sind. Damit ist es möglich, für jeden Scherben gleichsam einen "Fingerabdruck" zu gewinnen. Diese Spurenelementgehalte werden durch Neutronenaktivierungsanalyse ermittelt, der zur Zeit exaktesten Methode der Spurenanalytik.

Zur Untersuchung werden Proben der Scherben pulverisiert, danach geglüht und in Quarzampullen eingeschmolzen. Durch eine kurzzeitige Bestrahlung mit Neutronen im Reaktorkern wird in der Probe künstliche Radioaktivität erzeugt. Gleichzeitig wird ein Standard mit bekannter Zusammensetzung bestrahlt. Ein genauer Vergleich der radioaktiven Strahlung des Standards mit der die Probe ermöglicht eine Bestimmung der Probenzusammensetzung. Die gewonnenen Daten werden mit Hilfe statistischer Verfahren sortiert und gruppiert. Das Ergebnis sind Materialgruppen, die auf spezifische Ausgangsmaterialien (Tone) zurückzuführen sind.

Das Projekt zur Analyse spätkeltischer Keramik erforscht zunächst als zentralen Ort das Oppidum von Manching, südöstlich von Ingolstadt, mit 380 Hektar Fläche einer der größten städtischen Anlagen aus keltischer Zeit. Ihr Wirtschaftsgebiet wird eingegrenzt, indem die in Manching produzierte Keramik mit Material aus ländlichen und städtischen Anlagen im näheren und weiteren Umkreis verglichen wird.

Erste Ergebnisse zeigen starke Handelsbeziehungen nach Osten, zu den böhmischen und mährischen Oppida. Von dort wurde ein Teil der hitzebeständigen Kochtöpfe aus Graphitton bezogen. Es ließ sich jedoch auch feststellen, daß nicht nur Töpfe, sondern auch Ideen über die Form der Töpfe und deren Verzierung gewandert sind. Insbesondere bei der bemalten Keramik wurden viele äußerlich gleich aussehende Stücke in verschiedenen lokalen Töpferzentren produziert, so auch in Manching.

Zur Vervollständigung unseres Wissens sind noch zahlreiche Analysen notwendig. Es zeigt sich jedoch bereits, daß der Einsatz moderner Technik - und hier insbesondere die Nutzung der Neutronenstrahlung in einem Forschungsreaktor - viel von der Welt erklären kann, aus der wir kommen.



Abbildung 1:
Formenvielfalt der typischen Feinkeramik im Oppidum von Manching. In der oberen Reihe Töpte und Flaschen bemalter Keramik, unten Drehscheibenwaren und mit feinem Kammstich verzierte Keramik.



Abbildung 2:
Verbreitung bemalter Keramik und Graphittonkeramik in Europa. Die unterschiedlichen Verbreitungsschwerpunkte weisen auf verschiedene Wirtschaftsräume hin. Der Stern markiert die Lage des Oppidums von Manching im Zentrum zwischen dem östlichen (blau) und dem westlichen (rot) Keltengebiet.



Abbildung 3:
Blick in ein Handwerkerviertel des Oppidums von Manching im 2. Jahrhundert vor Christus (Maßstab des Modells 1:200)



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Administration, 26. Januar 1999